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Dokumentation . Gasteinertal

Bäuerliches Leben im 19. Jh.

Bauersleute und Dienstboten

Gasteiner Bauerntype Muchar, 1830 verschafft uns in seinem Buch "Das Thal und Warmbad Gastein" eine für die heutige Zeit befremdliches Bild des "Gasteiners". Sie seien " im Durchschnitte von mittlerer Statur, schlanken, mageren Körperbaue, von blasser, bräunlicher, selten blühender Gesichtsfarbe - dennoch aber von dauernder Gesundheit und Kraft. Das weibliche Geschlecht dagegen ist von größerem Schlage und fleischichter als die Männer, und oft bis zum Verwundern milchweiß und rosicht gefärbt. Ehen werden, wo es die Verhältnisse nur immer gestatten oder fordern zahlreich geschlossen, und sie sind gewöhnlich mit Kindern sehr gesegnet. Die Kinder, männlichen sowohl als weiblichen Geschlechtes, sind bis zu 10 und 12 Jahren sehr gesund, munter, unerschrocken, selbst gegen Fremde sehr zutraulich, größtentheils wohlgestaltet, und von so einnehmenden Gesichtszügen, daß sie eine schöne, erwachsene Generation versprechen. Leider aber kömmt diese doch nicht entsprechend zum Vorschein; weil schlechte Nahrung und die anstrengenden Arbeiten der Feld- und Alpenwirthschaft auf diesen kalten Bergen und steilen Kahren die Entwicklung und Ausbildung der ersten besseren Anlagen und Kräfte theils ganz hindern, theils verzehren ..." - Die nachfolgenden Ausführungen entsprechen einer Zusammenfassung aus den Beschreibungen von Muchar,1830 : "die - Bewohner Gasteins - ihre Lebensweise, Sitten und Gebräuche".
Ergänzend dazu findet sich auch eine Beschreibung von Burkart Eble, 1834 im - Dreizehnten Hauptstück - die Gasteiner.

» Feldbau, Viehzucht bilden die Lebensgrundlage «
Muchar, 1830 berichtet und dazu: "Feldbau und Alpenwirthschaft, und der damit innigst verbundene Hauptzweig der Viehzucht beschäftigen einen großen Theil der Bewohner des Gasteinerthales, verschaffen ihnen den nöthigsten und gewöhnlichsten Lebensunterhalt ... Die meisten, und für die gewöhnlichen Lebensbedürfnisse nothwendigen Handwerker befinden sich im Markte Hof ... Aeußerst einförmig ist das Leben der Bergknappen und bringen nun den größten Theil der Woche auf und in dem Rathhausberge zu ... Was Viehzucht und Feldbau geben, ist daher der Gasteiner gewöhnliche Nahrung und Bekleidung."
Die Ehgartenwirtschaft ist im Gasteinertal durchaus üblich. Das Feld wird 3 Jahre als Wiese genutzt, dann 5 Jahre zum Getreideanbau verwendet. An Getreide werden Weizen, Roggen, Gerste und seltener Hafer angebaut. Getreide wird mittels den Gmachmühlen gemahlen, wobei nur das eigene Getreide gemahlen werden darf. Hafer muss meist von der Ferne hergebracht werden. Gering ist der Kartoffelanbau.
Ziegenhaare und Schafwolle wird gesponnen und zu Kleidung verarbeitet; aber auch auswärtig verarbeitete Stoffe kommen durch den Handel, bedingt durch den Bergbau nach Gastein. S. Hinterseer berichtet (p.584): "Der Viehstand ist natürlich bei der großen Menge der Alm- und Weideplätze sehr zahlreich. Die Pferde sind ein schwerer Schlag, eine Abkunft des Burgunder, und werden hier gezüchtet, um nach Bayern als schwere Fuhrmannspferde verkauft zu werden. Sie sind sehr ausdauernd, zäh und abgehärtet, aber zum Laufen nicht geeignet. Das Hornvieh ist kleiner und niedriger als die Pinzgauer, aber gedrängter und kerniger und, wie versichert wird, sehr milchreich. Die Schafe sind lauter grobwollige und für die häuslichen Bedürfnisse bestimmt. Ziegen werden in bedeutenden Mengen gehalten, und zwar ein sehr schöner Schlag."

» Dienstboten bzw. Ehalten «
Die Dienstboten rekrutieren sich hauptsächlich aus weichenden und unehelichen Bauernkindern. Viele Dienstboten blieben ein Leben lang auf den Hof. Ledige Kinder von Dienstmägden kamen meist zu Zieheltern - meist Verwandte oder Bekannte. Die Familien und Ehalten (Dienstboten) bildeten eine geschlossene Gemeinschaft und als Mitglieder der Haugemeinschaft mussten die Dienstboten die Hausordnung einhalten und waren zu Fleiß, Fleiß, Treue und Einhaltung der Arbeitszeit verpflichtet. Urlaub gab es keinen aber zahlreiche Bauernfeiertage, die etwas Freizeit brachten. Der Bauer musste im Gegenzug für ausreichende Kost sorgen. Die Bauersleute werden auch noch von den Knechten und Mägden vielfach mit Vater und Mutter, oder als Bauer und Bäuerin angeredet. Die Eltern wurden von den Kindern mit - Sie, Oes und Enk - anreden. In größeren Bauernhöfen gab es eine ausgeprägte Arbeitsteilung und eine damit verbundene Rangordnung debei den Dienstboten, die vom Alter und der zugewiesenen Aufgabe abhing. der 1. Knecht war die rechte Hand des Bauern und war für die Arbeitseinteilung zuständig. Es folgten der Werfer (für werfende Tätigkeiten zuständig wie Heu einbringen), der Schosser und der Stadler waren der 2. also kleinere (kleanara) Knecht. Der Pürscher (Pirscher, junge Burschen, die allerlei Tätigkeiten durchführten) als 3. Knecht. Da Stalla (Stadler), Melker, Senner, der Sumara (Sommermahder = 4. Knecht) und der Schienagl oder Laufer (= 5. Knecht) neben dem Öchsner, Gaißler und Schafler bei den männlichen Dienstboten. Die weiblichen Ehalten bezeichnete man, ebenfalls entsprechend einer Rangordnung als Dirn (= 1. Dirn), die Garwa (Garberinverrichtete. Die Kindsdirn oder Lock betreute die Kinder. - Quelle: S. Hinterseer (p.643)
Nach dem 2. Weltkrieg sank die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft drastisch. Gab es 1902 im Land Salzburg noch 400.000 Dienstboten und 1930 noch 300.000, so waren es 1990 nur mehr 1.000 Knechte. - Quelle: "Halt' aus Bauer" von Erika Scherer/Franz Steinkogler, 2012 - Heute gibt es im Gasteinertal keine Dienstboten mehr.

» Das tägliche Brot ... «
- Muchar, 1830 berichtet uns dazu: "Der Landbewohner ißt des Tages fünfmahl, im Durchschnitte genommen, aber höchst mittelmäßig und schlecht ... Süße und saure Milch, Käse, Schotten, Mehlspeisen aus groben Mehlsorten und Schmalz, Sauerkraut, Suppe, Milchkoch, Muß, Wassernudeln und schwarzes Brot sind die gewöhnlich gekochten und ungekochten Nahrungsstoffe; Fleisch gehört zu den sehr seltenen Gerüchten, und dann bestehet es größtentheils aus Schaf-, Ziegen-, Kastraun (Hammel) und Bockfleisch." -
Die Speisen waren an gewöhnlichen Tagen sehr einfach zubereitet und bestanden meist aus gesalzenem und geräuchertem Fleisch, aus Hülsenfrüchten, Kohl, Kraut, Milch, Mehl und einfachen Eierspeisen. Nur bei feierlichen Gelegenheiten, vor allem bei Hochzeiten, hohen Festen u. dgl., wurde eine Mehrzahl von Gängen mit verschiedenen Fleischsorten, süße Brühen, stark gewürzten Leckerbissen und Backwerk auf den Tisch gebracht. Wozu zu bemerken ist, daß trotz aller vorgeführter Künste der modernen Zeit, insbesondere der hochkultivierten Gastbetriebe der Gastein, die Speisen, allerdings vielfach noch als einziges, Gott sei Dank auch bis in unsere Zeit herauf noch einfach und bescheiden geblieben sind, Milch, Schmalz, Butter, Schotten, Käse aller Art, einfache Mehlspeisen (Koch, Muas, Nudl, Nocken), hausgebackenes Schwarzbrot, Kartoffeln (erst in jüngerer Zeit zu Ehren gekommen), Kraut, Rüben, verschiedenes Gemüse liefert immer noch die Grundnahrung auf dem Bauernhof. Fleisch ist wesentlich seltener vorhanden. Dies gilt allerdings in erster Linie für die Kost der Bauernschaft.
- S. Hinterseer, 1977 berichtet uns, "das eine wesentliche Änderung im Fleischverbrauch eingetreten ist. Schaf- und Ziegenfleisch spielen nur mehr eine untergeordnete Rolle; Rindfleisch wird - sehr im Gegensatz zu früher - selten mehr gegessen, dagegen ist der Verbrauch des Schweinefleisches in allen Zubereitungsarten ungemein angestiegen und vorherrschend geworden. - Unter den Getränken ist vor allem das volkstümliche Bier zu nennen, das im Salzburgischen schon im 13. Jh. (nachweislich seit 1243) mit Hopfen bereitet wurde und auch zu Hause in Form von Biersuppen (bereitet aus Bier, Eiern, Mehl und Gewürzen) Verwendung fand. Wein ist auch heute noch verhältnismäßig selten und wird nur zu festlichen Anlässen, bei Hochzeiten, Taufen, an hohen Festtagen u. dgl. getrunken. Eigentlich vermochte sich ihn in früheren Zeiten nur der Bemittelte zu leisten. Der aus Honig bereitete Met (und zwar ungegorener süßer und gegorener starker Met, bisweilen mit Wein gemischt) wurde allerdings gerne und viel getrunken. Seit langem aber ist dieser aus Gaststätten, Kramereien und Häusern verschwunden."
- Muchar, 1830 berichtet uns über alkoholische Getränke (p.129) : "Kräftiges und öhlichtes Bier ist das allergewöhnlichste Getränk; Wein das seltenere; ja es gibt hier im Thale wohl ein halbes Hundert von Familien, in welchen noch Niemand in einem Lebenslaufe von 40 und mehr Jahren jemahls Wein verkostet hat. Branntwein wird dagegen gewöhnlicher genossen; und die Landleute des Thales verstehen sich allgemein darauf, aus den verschiedenen, auf ihren Bergen wild wachsenden schmackhaften Beeren Branntwein zu bereiten. Zum gewöhnlichen, als auch insbesondere zum Heilungsgebrauche dienet der im ganzen Tauerngebiethe hochberühmte Enzianbranntwein."

» Alpenwirtschaft und Almhütten «
Die Arbeiten auf der Alm in den Sommermonaten werden vom Melker (Melkerin, Sennerin), dem Schosser (Schosserin, welche das Alpengeschirr reinigen), dem Kuhbuben, dem Geißler (beaufsichtigt Ziegen), dem Schafler (Schafhirte) und des Öfteren auch weibliche Personen wie die Sennerin, Schosserin etc. - Produkte der Almwirtschaft sind so trockener Käse (Reiberkäse), saure und süße Käse aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch, Schotten, Butter und Schmalz. Getrunken wurde auf der Alm schon immer selbst gebrannter Schnaps (Branntwein, im besonderen Enzianbranntwein). Die Almhütten sind aus bloß zusammengeschichteten Steinen und einem flachen Dach gebaut. Sie bestanden aus dem Kaser (eigentliche Sennhütte) und aus mehreren Treten (Stallgebäuden). Oft sind beide unter einem Dach. Die Sennhütte selbst besteht aus einem Feuerherd mit einem Kessel und einem Butterfass. Ein zweiter Raum dient dem Abstellen der Milchgefäße und der Aufbewahrung der bereits geschlagenen Butter und dem Käse.
Muchar, 1830 überliefert uns weiter: "Auf den sämmtlichen Gasteineralpen werden jährlich gegen 4000 Kühe (davon im großen Naßfelde allein 500), gegen 1200 Jungrinder, gegen 4000 Schafe (größtentheils im Naßfelde und im Anlaufthale), gegen 1000 Geiße aufgetrieben. Auf eine gute Melkkuh rechnet man 30 Pfund Schmalz und 100 Pfunde süßen oder sauern Käs jährlichen Gewinst; so, daß in Gastein alle Jahre bei 1200 Centner Schmalz, und bei 4000 Centner süße und saure Käse erzielet werden."

» Was die Gasteiner glauben «
Muchar, 1830 überliefert uns die z. T. bis heute noch geltenden Vorstellungen : "Sie glauben fest an das Bestehen und den Einfluß guter und böser Geister, Gespenster, Kobolde ... Berg- und Alpengeistern, dem Schranel und Donanadel, von Bergmännchen oder den überall thätigen Zwergen in den reichen Gold- und Silberschachten, in Berghöhlen, wo sie unterirdische Schätze bewahren, von dem bösen Erdgeiste Gangerl, von dem Butz, der die Wanderer auf gefährliche Abwege verführt, von dem Dusel, der nächtlicher Weise die Häuser beschleicht, und kleine Kinder daraus wegraubt, von der fürchterlichen Perchtl ..."
Auch wird vom "Löseln", dem Jahrhunderte alten Glauben, dass bestimmte Handlungen in den Löslnächten zukünftige Ereignisse eintreten lassen noch heute eine gewissen Bedeutung beigemessen. Dabei können junge Burschen und Mädchen ihr Glück versuchen, ob sie in diesem Jahre noch heiraten oder nicht. Man glaubt in diesen Nächten das Vieh in den Ställen reden zu hören. Derlei Aberglauben ist in der modernen aufgeklärten Zeit wohl nicht mehr notwendig. Immer aber noch rumort da und dort etwas von solchen Gedanken, wie: der Gangerl und der Butz wie den guten und bösen Geistern. Lediglich die Kobolde und Zwerge sind aus den Köpfen gewichen, auch wenn sie noch zahlreich symbolisch in den Gärten vieler Gasteiner wachen.

» Gasteiner lieben Blumen «
Die "Gasteiner" werden von Burkhart Eble, 1834 als redlich, gutmütig, höfliche und verständig beschrieben mit einer außergewöhnlichen Vorliebe für Blumensträuße, wobei sich Namen wie Beieinanderbleibblümmel, Rückkehrzublümel und Blutstropfen finden. Ebenso beschreibt er als lobenswerte Eigenschaft eine gewisse Heiterkeit, Zufriedenheit und Lebhaftigkeit. Zudem erwähnt er, dass die Leute im Gasteinertal sehr gesund seien.

» Charakterisierung der Gasteiner durch Lorenz Westenrieder «
Die Charakterisierung der Gasteiner durch Lorenz Westenrieder, 1817 hingegen wird wegen seiner als wenig zutreffend erachtet, wenn er schreibt: "Diese Gasteiner sind im Durschnitt eine ganz eigene Art von Menschen. Sie sind nicht nur weit von dem kräftigen Trotz entfernt, der so oft auf den Gesichtern unserer Hochländer erscheint, sondern sie sind ganz einfach, geschmeidig und, wie es scheint, sehr folgsam; auch religiös und andächtig sind sie. Da sie wenig mehr wissen, als sie brauchen, und dies in sehr wenigem besteht; da sie, wenn sie nur das Notwendige haben, nichts weiter zu verlangen wissen; da sie niemandem im Wege stehen, ihnen niemand im Wege steht; da sie mit all dem, was wir Intrigen, Schikanen, Pfiffigkeiten nennen, ganz unbekannt sind; da unter ihnen keine wissenschaftlichen Männer und tiefsinnige Gelehrte sind: so sind sie nichts weiter als Menschen von gesunder Vernunft und von einem unverdorbenen Gefühl, was in meinen Augen das Kostbarste des Menschen ist." - Zitat aus dem Buch "Mosaiksteine" von Fritz Gruber, 2012. Zudem meint Fritz Gruber, dass Westenrieder wohl mit offenen Augen die Natur schwärmerisch sah, nicht aber die Menschen.

Siehe weiter im - Doku-Archiv - zu diesem Thema:
  - Bergbauordnung - Pachtverträge
  - Bauernaufstand - 1525
  - Bauernaufstand - 1526
  - Grundherren und Leibeigene - bis 1848

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Anmerkung: Die Informationen wurden auszugsweise dem Buch - "Bad Hofgastein und die Geschichte Gasteins" - von Sebastian Hinterseer, 1977 - dem Buch: "Die Geschichte Gasteins und des Gasteiner Tales" von Heinrich von Zimburg, 1948 - sowie dem Buch "Halt' aus Bauer" von Erika Scherer/Franz Steinkogler, 2012 und dem Buch "Das Thal und Warmbad Gastein" von Dr. Albert von Muchar, 1834- entnommen. Die Textauszüge wurden hier teilweise unverändert wiedergegeben.

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Gastein im Bild - Dokumentation
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© 10.6.2016 by Anton Ernst Lafenthaler
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