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D - Gasteinertal/Dokumentation: Gebrauch des Gasteinerbades, 1834
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Dokumentation . Gasteinertal

Gebrauch des Gasteinerbades

Albert von Muchar, 1834

Albert von Muchar beschreibt in seinem Buch, 1834 "Das Thal und Warmbad Gastein" zum Thema "Vorbereitung zum Gebrauche des Gasteinerbades; Lebensweise während der Curzeit, der Badeausschlag und die Nachwirkungen des Bades" zu den Vorbereitungen solle man den Körper mit einem Abführmittel reinigen. Aderlassen aber sollen nur Vollblütige. Auch sollte sich jeder Kurgast vorher ein sorgenfreies Herz schaffen.
Auch Burkhard Eble, ebenfalls um 1830 in Gastein, beschreibt sehr ausführlicher das - diätetische Verhalten während der Kur - bei und nach dem Gebrauch dieser Heilquellen. Aus heutiger Sicht sind die Ausführungen von Dr. Greinwald, Bad Gastein im Kapitel - Lebensweise - wesentlich erweitert und korrigiert worden.

Diätetik

Man solle Speisen aus dem Tierreich bevorzugen, nicht zu fett und frei von vielen Gewürzen. Wein, Zucker, Schokolade und Tabak können mitgebracht werden. Den - Hypochondristen - wird Mäßigkeit in Speis und Trank empfohlen, bei Vorliegen einer - Kachexie - jedoch hilft animalische Kost und guter Wein am besten. Auch die mit - Scropheln Behafteten sollten Fleischspeisen bevorzugen und Wasser trinken. Insgesamt wird häufiges Spazierengehen angeraten. Den - Badeausschlag - bezeichnet er als eine natürliche Folge der Badekur und viele davon blieben dabei ganz verschont. Auch betont er, dass bereits eine einmalige Kur vollständige Heilung bringen könne und keinesfalls die Behauptung stimmt, das man mehrere Jahre hindurch das Gasteinerbad besuchen müsste, um die eigentliche Wirkung zu erzielen. Auch bleibt die - Kur-Reaktion - noch Wochen und Monate nach der Kur nicht unerwähnt.
Muchar, 1834 bechreibt die Vorbereitungen, welche beim Gebrauch des Bades zu treffen sind und die Lebensweise während der Kurzeit wie folgt:
Vorbereitung zum Gebrauche des Gasteinerbades; Lebensweise während der Curzeit, der Badeausschlag und die Nachwirkungen des Bades.
Es wird allgemein angerathen, vor dem wirklichen Gebrauche des Gasteinerbades den Körper durch ein gelindes Abführungsmittel zu reinigen, oder auch sich eine Ader öffnen zu lassen. Das Erstere ist in den meisten Fällen, besonders, wenn fühlbar Unreinigkeiten und gesammelter Schleim im Magen und in den Gedärmen sind, räthlich und gedeihlich. Aderlassen sollen nur Vollblütige; weil durch die Wärme und die reitzende Kraft des Heilwassers im Bade das Geblüt in höhere Wallung gebracht werden könnte, wodurch Schlagflüsse, Entzündungen u. dgl. üble Folgen entstehen dürften. Frauenzimmer, bei welchen sich die monathliche Reinigung zeiget, sollen die ersten Tage des Baden meiden.

Vorerst schaffe sich jeder im Wildbade anwesende Curgast ein sorgenfreies Herz, damit er die Wundergabe Hygieiens desto inniger aufnehmen, und sich hier am Busen einer so erhabenen und bewunderungswürdigen Natur mit heiteren Geiste erfreuen könne. Die Morgenstunden, als die heilsamsten, werden am zweckmäßigsten zum Baden verwendet. Darum gehe man jeden Abend bei Zeiten zu Bette. Aus dem Bade eile man in seine Wohnung zurück, kleide sich aber warm um, und vermeide sorgfältigst den Anfall der kühlen und ziehenden Lüfte.
Nach dem Bade pflegt man eine halbe oder eine ganze Stunde der Ruhe im Bette, nach oder während welcher man das Frühstück zu sich nimmt, wozu eine leichte Suppe oft gesünder ist, als Kaffeh, besonders bei sehr reizbaren Personen. Will man vor dem Bade frühstücken, so soll es allezeit wenigstens eine halbe Stunde früher geschehen. Sonst sind zum Frühstücke auch Chocolate oder Milchthee anzuempfehlen. Die freien Stunden der schönen Vor- und Nachmittage werden mit Spaziergängen und anderen kurzen Ausflügen in die näheren romantischen Umgebungen des Wildbades zugebracht, um immer die so heilsame und nothwendige Körperbewegung in der reinen, erquickenden Alpenluft ja nicht zu unterlassen. Zu langes Sitzen beim Spieltische, körper- und geistaufregende Hasardspiele, emsige Geschäfte und angestregtes Studieren soll man vorzüglich meiden. Jedoch soll man auch bei trüben, frostigen Wetter hier durchaus keine anstrengenden Spaziergänge oder weitere Ausflüge unternehmen. Da Morgen und Abende hier sehr kühl sind, und oft schnell in schneidende Kälte umsetzen; so kleide man sich in diesen Stunden sorgfältiger und wärmer; und man vermeide mit gleicher Aufmerksamkeit das Stehen oder Sitzen bei den Hausthüren und an Stellen, wo stärkerer Luftzug streicht. Für alle solche nachtheiligen Einflüsse einer schnell veränderten und kälteren Temperatur ist der druch das Mineralwasser durchweichte Körper unglaublich empfänglich. Eben so hüthe man sich, bei Ausflügen in die nahen und höher gelegenen Thäler, - sich des Rockes zu entledigen. Die von dem Gletschereise und den Feldern des ewigen Schnees herabstreifenden Lüfte sind oft augenblicklich und unvermuthet da, und ihre eindringlichere, schneidende Temperatur kann dem erhitzten, nicht sorgfältig verwahrten Körper sehr gefährlich werden. Unmittelbar, oder bald nach der Mahlzeit zu baden, ist alle Mahl schädlich. Wer daher des Tages zwei Mahl das Bad gebrauchen muß, wähle zum zweiten Bad immer die späteren Nachmittagsstunden.

Hinsichtlich der Nahrung sind in den meisten Krankheiten, in welchen der Gebrauch des Gasteinerbades angerathen wird, Speisen aus dem Thierreiche jenen aus dem Pflanzenreiche vorzuziehen; doch müssen sie gesund zubereitet, nicht zu fett und von der Beimischung vieler Gewürze frei seyn. Gebratene Fleischspeisen hält man für gedeihlicher, als eingemachte. - Wer es vermag, thut wohl, für die Dauer der Badezeit sich mit schon gewöhntem Wein, Chocolate, Thee und Tabak zu versehen. Nach den k. k. Finanzdecreten vom 30. Juli 1824 und 6. Juli 1827, darf jeder ausländische Badegast zum eigenen Gebrauche während der Badezeit frei einführen 24 Bouteillen Wein, 15 Pfund Kaffeh, 20 Pfund Zucker, 1 Pfund Thee, 5 Pfund Chhocolate und 5 Pfund Tabak. - Alle Badgäste haben sich vor zu hitzigen, süßen und schweren Getränken und vor übermäßigem Trinken zu verwahren. - Hypochondristen - und hysterische Freuenzimmern ist Mäßigkeit in Speiß und Trank besonders zu empfehlen. Diesen ist zum Frühstücke eine Tasse guten Kaffehs und beim Mittag- und Nachtessen gewässerter und zum Theile auch lauterer, echter Ofner- und Oesterreicherwein zuträglich; vom Genusse des Obstes und des Bieres aber müssen sie sich enthalten. Mäßige Bewegung im Gehen, Fahren oder Reiten ist ihnen sehr zu empfehlen. Den Kranken, welche mit - Kachexien - behaftet sind, gedeiht die animalisch Nahrung und ein guter Wein zum Mittag- und Nachtessen, und mäßige Bewegung am besten. - Bei Gelbsüchtigen muß die Nahrung größtentheils animalisch seyn und Wein mit Vorsicht genossen werden. - Mit - Scropheln - Behaftete sollen sich vorzüglich der Fleischspeisen, besonders des Kalb- und Hühnerfleisches, des Wildbretes, der Milch- und Eyerspeisen, und zum Getränke des Wassers bedienen. Fleißige Bewegung in trockener Luft wird ihnen sehr empfohlen. Mäßige Ausflüge in schönen, heiteren Tagen, zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß müssen wiederhohlt anempfohlen werden. In den herrlichen, romantischen Umgebungen des Wildbades ist Alles groß, erhaben, bewunderungswürdig; jeder Berg, jedes Gefilde, jeder Weiler dieses Thales erinnert an die lehrreiche Geschichte desselben; Alles rund umher biethet dem Botaniker, dem Mineralogen, dem Freunde der großen Natur, dem Landschaftsmahler, jedem gebildeten Wanderer von Sinn und Herz die interessantesten Erscheinungen zum Genusse, zur Bewunderung und Erheiterung dar. Wir werden weiter unten alle die vorzüglicheren Umgebungen schildern und durch Bezeichnung ihrer Lage und der dahinführenden Wege jedem Badgaste die sicherste Anleitung zum erhebenden Genusse dieser Naturschönheiten geben.
Strenge sich haltend an diese Diätetik gebraucht man nun die Gasteiner-Heilquelle durch eine, jedem Kranken nach seinen Umständen angemessene, oder von dem Arzte ausdrücklich vorgeschriebene Zeit, und in dem oben bezeichneten steigenden und fallenden Maße. Entstehen während dieser Zeit besondere Fälle und auffallende Erscheinungen, so hat man sich mit dem wahren Kunstverständigen, dem echten Kenner der Gasteiner-Heilquelle, einem jeweiligen Herrn Arzt des Wildbades zu berathen, ob noch fortgebadet werden solle oder nicht? - und dessen Rath genau zu befolgen. Bei den meisten Badenden ist dann die gewöhnlichste Folge des Warmbades der sogenannte - Badeausschlag - welcher den Schenkeln, Knöcheln und Fußschaufeln, an den Armen und überhaupt an den ohnehin geschwächten Körpertheilen sc. in den letzten Tagen der Badezeit zum Vorschein zu kommen pflegt. Zu langes, zu vieles und zu warmes Baden treibt ihn auch wohl noch früher heraus. Er ist keine Krisis, die eine Krankheit entscheidet, sondern eine natürliche Folge der Einwirkung des naturwarmen Mineralwassers auf das Hautsystem. Dieser Ausschlag ist auch keine Krätze; sondern er zeigt sich in sehr kleinen rothen Pünctchen an der Hautoberfläche, um welche sich die Haut selbst, oft bis zu einer förmlichen Rose, zu einem Rothlauf röthet, und welche Pünctchen ein beißendes Jucken verursachen. Gewöhnlich läßt man diesen Ausschlag von dem Herrn Badearzt besichtigen, worauf man ihn nach seiner Anweisung wieder abzubaden pflegt; indem man kürzere Zeit und nur lauwarm badet, und nach dem Bade längere Zeit als früher im Bette dünstet. Er dauert gewöhnlich mehrere Tage; während welchen man sich warm zu halten und vor Erkältung sorgfältig zu verwahren hat, und im Nothfalle auch dessen Heilung durch einige Schalen Chamillen- oder Hollunderthee befördern soll. Mit dem frisch hervorblühenden Badausschlage abzureisen, sich dabei allem Wechsel der Witterung und Temperatur auszusetzen, ist gar nicht räthlich. Diese Unvorsichtigkeit hat oft schon verderbliche Folgen, Dauer des Ausschlages durch mehrere Monathe, Drücken auf der Brust, anhaltendes Husten, Kontrakturen, Schlagflüsse und Wassersuchten hervorgebracht. - Uebrigens ist dieser Badausschlag keine nothwendige Folge des Badgebrauches. Viele Curgäste bleiben davon gänzlich befreit. Durch sein Ausbleiben und Erscheinen darf man weder auf verminderte noch auf erhöhte Wirkung der Heilquelle auf den Körper schließen. Ohne Zweifel ist auch die Meinung und Behauptung grundlos, daß man nach Einem Badversuche die Gasteinerquelle durch mehrere Jahre nach einander gebrauchen müsse, um ihre eigentlichen Wirkungen zu erringen. Zahlreiche Fälle liegen vor, daß ein einmahliger Gebrauch dieses Mineralbades schon vollständige Heilung bewirkt habe.
Auch noch auf Folgendes muß man aufmerksam machen. Da der durch den Gebrauch der Quelle veranlaßte dynamische Prozeß noch Wochen- bis Monathe lang fortdauern kann; so sind in dieser Zeit alle heftigen, sowohl diätetischen als medicinischen Einwirkungen, und insonderheit solche Potenzen (und Bäder) zu vermeiden, welche einen, dem gebrauchten Bade entgegengesetzten Charakter haben. - Mit vollem Rechte darf man aber auch die Nachwirkungen dieses Wunderbades verbürgen und darauf vertrösten. Man lasse sich ja nicht durch das alte Vorurtheil täuschen: "Was das Bad bringt, das nimmt es wieder!" - Die trostvollen und beruhigenden Versicherungen der erfahrungsreichen Aerzte, vorzüglich der Doctoren Waitz und Hufeland, in allgemeiner Beziehung auf kräftige Mineralbäder, können von der wunderreichen Gasteiner-Heilquelle insonderheit von Tausenden von Curgästen, von Aerzten und Nichtärzten, mit Ueberzeugung wiederhohlt und verbürgt werden. Von der Gewißheit der vortrefflichsten, oft alle Erwartungen, allen Glauben übertreffenden Gesammtwirkungen der Gasteiner-Heilquelle ist der im Verhältnisse zur Abgelegenheit des Wildbades und zur früheren Dürftigkeit der Unterkunft in demselben, in jedem Jahre sehr bedeutende Zusammenschluß von Curgästen selbst aus entfernten Ländern - der fortwährende und unwiderleglichste Beweis.
Originaltext S. 224 - 228

Anmerkung :
Scropheln = Halsdrüsengeschwulste verschiedenster Ursache, meist Tuberkulose. Die Pflanze - Scrophularia nodosa - so genannt wegen ihrer knolligen Wurzeln wurde in der Volksmedizin als Heilmittel gegen diese Scropheln verwendet. Der Begriff wird ebenso wie die Bezeichnung Scrofulose heute nicht mehr verwendet.

Siehe weiter im - Doku-Archiv - zu diesem Thema:
  - Thermalquellen - im Wildbad
  - Thermalwasserleitung - nach Hofgastein
Siehe auch die Seiten:
  - Thermalwasser - Radon
  - Heilquellen - in Gastein
  - Brunnen - im Gasteinertal

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Anmerkung: Der Text wurde überwiegend dem Buch "Das Thal und Warmbad Gastein"
von Dr. Albert von Muchar, Grätz, 1834 - entnommen.
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