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D - Gasteinertal/Dokumentation: Geschichte/Ärzte im Wildbad Gastein - Prof. Dr. Otto Gerke
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Dokumentation . Gasteinertal

Ärzte im Wildbad

Prof. Dr. Otto Gerke

Im Nachruf des als Autor genannten "Badebüchleins" wird Prof. Dr. Otto Gerke als ein seit 1923 im Kurort Bad Gastein tätiger Arzt beschrieben, welcher bekannt war wegen seiner streng individuell gestalteten Kurvorschriften, seinen selbständig geführten Studien und Forschungen und seinem Können im medizinischem Bereich. Als Zwei seiner unmittelbaren Vorfahren werden die bekannten Gasteiner Ärzte, sein Großvater mütterlicherseits, Geheimrat Dr. Schider und sein Vater, kaiserlicher Rat Dr. Oskar Gerke genannt.
Nachfolgend einige Bemerkungen aus seinem "Badebüchleins", insbesondere die Gasteiner Kur und seine Wirkung betreffend. Die zahlreich abgedruckten - Gedichte - aus älterer Zeit, wie z.B. der - Gasteinerische Padgesang - sowie Textauszüge aus dem - Badeleben - im 19, Jahrhundert sind an anderer Stelle zusammengefasst.
Zahlreiche Versuche wurden nach der Gründung des Forschungsinstitutes in Bad Gastein angestellt und ebenso viele Ergebnisse galt es nun zu deuten, nachdem die Radioaktivität des Wassers bekannt war. Diese sollen im Kapitel - Forschungsergebnisse - aufgezeigt werden. Und, da die Heilwirkung keinesfalls allein durch das Radon erklärt werden kann, ist es das Klima bzw. das gesamte Kurortmilieu, welches den Heilerfolg letztlich sichert. Im Anschluss sind die - Heilanzeigen - angeführt.
Die - Gebrauchsweise der Bäder - hat sich im 20. Jahrhundert deutlich geändert - die Badezeiten haben sich beträchtlich verkürzt und die Heilungssuchenden reagieren deutlich empfindlicher auf das Bad. Der Kurarzt bestimmt die individuelle Therapie und viel Unsinn im Kurbetrieb muss ausgeräumt werden.

Bäder im Wildbad bis ins 18. Jh.

Das Gasteiner Bad war im Vergleich zu anderen Kurbädern, wo viel Wert auf Unterhaltung während der Kur gelegt, viel geschmaust, getanzt, musiziert und gescherzt wurde und oft Männer und Frauen gemeinsam badeten ziemlich langweilig. Wurden manche Badeorten nicht der Gesundheit wegen, sondern lediglich zum Vergnügen aufgesucht, so wurde das Wildbad Gastein durch die Umgebung der Berge, welche Schauer und Bedrückung hervorrief als "ungünstige und wahrhaft furchtbare Lage" verstanden. Für das Vergnügen der Kurgäste war nur wenig gesorgt und die primitive Einrichtung der Bäder und Gasthäuser wohl wenig einladend. Otto Gerke überliefert uns folgenden Textauszug (Originaltext S. 24) eines Gasteiner Tavernisten: "Ich weiss nicht, was die Leute heutzutag alles begehren, sonst waren gar viele froh, wenn sie in der Gastein auf Heu schlafen konnten. Die Vornehmen legte ich je 2 und 2 in ein Bett und solcher Betten standen 2 - 3 in einem Zimmer. Nur in ganz besonderen Fällen wurde einer einzelnen Person ein einzelnes Zimmer zuteil. Jetzt will jeder Gast gleich dem grössten Herrn bedient, und für sich allein bequartiert sein." - wohl noch das 17. Jahrhundert betreffend.
Westenrieder, 1810 schildert das Badeleben folgendermaßen: "Der ganze Ort Gastein (man nennt ihn ein Dorf) sieht so aus - man kann nichts unbehilflichers nichts ärmeres sehen. Es ist, als wenn Jemand die achtzehen Häuserchen, aus denen alles besteht, in seiner Hand gehalten, und sie im losen Scherz durch die Finger hätte fallen lassen. So ungeschickt, so ganz und gar unförmlich und armselig stehen jene Häuslein beisammen.... - ... Ich bestieg heute zum ersten Mal das Bad, gegen das ich, nachdem ich hörte, dass 12 und noch mehrere Personen, Männer und Frauenzimmer und die fremdartigsten Personen mit verschiedenen Zuständen und Gebrechen in eben dasselbe mit dem Heilwasser gefüllte, Behältnis beysammen wären, keine geringe Abneigung hatte, von welcher ich nunmehr vollkommen geheilt bin ... - ... Die meisten oder doch sehr viele Badgäste nehmen im Wasser ihr Frühstück, wobey sie eine Glocke ziehen, auf deren Zeichen unverzüglich eine heitere, lustige, und (wie wir sagen) nicht versponnene Gebirgsnymphe heraufkömmt, und durch eine kleine Öffnung des Gitters ein Bretchen auf das Wasser, dann auf das Bretchen das Frühstück z. B. das Kaffee- und Milchgeschirr, mit den Schalen, Brod und Zucker setzt und dann dem Bretchen einen Stoss nach der Richtung gibt, dass es dem Herren zuschwimmt, der es verlangt hat. ... - ... Man weiss hier nichts von allem dem, was den Bädern; anderer Länder ihr Berühmtseyn und ihren erfolgreichen Besuch verschafft, und was ihnen mehr das Ansehen von Belustigungsanstalten, als von einer ernstlichen Absicht der Gesundheit zu pflegen gibt. Man weiss hier nichts von Tanzpartien, nichts von Spielpartien, von anderen Partien und Erfindungen, bei welchen die Üppigkeit ihr Unwesen treibt." Durch drei Jahrhunderte, vom Beginn des 16. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, hat sich das äußere Bild Gasteins fast gar nicht gewandelt. Erst ab 1835 mit der Fertigstellung der neuen Poststraße kam es zum Aufschwung. Neue Bäder entstanden oder wurden umgestaltet. Viele Holzhäuser wichen nun Steinbauten, Gärten und Parkanlagen entstanden. Auch gab es bereits eine Kurmusik aus 9 Mann bestehend, in Gehrock und Zylinder. Sie erhielten den Beinamen "Neuntöter" oder die "Neun Musen".

» Kurärzte im 19. Jh.«
Um 1860 gab es bereits drei Kurärzte in Gastein und alle hielten sie sehr viel auf Etikette und so berichtet Dr. Gerke (S. 53): "Die Ärzte machten ihre Besuche im schwarzen Bratenrock und Zylinder, mit weißen Glacehandschuhen an den Händen. Der Badearzt Dr. Pröll - der von seinem höher gelegenen Haus den Ort überblicken konnte, gab jedem seiner Kranken den Rat, eine Kerze zwischen die Fenster zu stellen, wenn er nachts ärztliche Hilfe bedürfe, und er selbst sah alle paar Stunden nach, wo sie leuchtete." - Die Gemeinschaftsbäder wurden zunehmend abgeschafft und durch Einzelbäder ersetzt. Um 1850 gab es bereits 70 Einzelbäder und die wenigen Gemeinschaftsbäder wurden nur mehr von Armen und Unbemittelten benützt.

» Aderlass und Kräutersäfte «
Dr. Otto Gerke berichtet uns, dass das Aderlassen einem ganz besonderen Zeremoniell unterworfen war. Das Aderlassen wie das Schröpfen war ausschließlich den Badern vorenthalten. Der Aderlass soll zu besonderen Tagen bestimmte Leiden gebessert oder Glück und Liebe garantiert haben. Der Bader Isaac Arlschwaiger soll zahlreiche Kräutersäfte angeboten haben wie Otto Gerke im Badebüchlein schreibt (Originaltext S. 20) : "Der Bader, der im 17. Jahrhundert hier tätig war, hieß Isaac Arlschwaiger. Seine Medizinen bestanden in Kräutersäften gegen Stoffwechselleiden, Hollundertee zum Schwitzen. Wacholder in Beeren und als Schnaps zur Magenstärkung. Gegen Magenweh und Grimmen gab es ein aus Kümmel, Kalmus und Enzian bereitetes Magenpulver. Er verordnete auch ein berühmtes Leberpflaster und eine mit Zitrone bereitete Frostbeulensalbe. Beliebt war in ungeheuren Mengen bei Blasenleiden das aus Wacholder hergestellte Kranawitwasser. Manche Kranke mußten 4 bis 5 Liter täglich davon trinken."
Viele Bader boten auch Kosmetika an, wie z. B. Schlüsselblumenwasser und Weißlilienpulver gegen Sommersprossen, Runzeln und Nasenröte.
Dr. Niederhuber gibt schlichte Regeln für Badegebrauch und Diät und definiert die Krankheiten, die beim Badegebrauch auf Heilung hoffen lassen. Er lehnt das übertriebene Schröpfen während des Bades ab: "bei denen sich so viele Badegäste ganze Ströme Bluts abzapfen lassen" und nennt die Methode ein Überbleibsel: "die nur die rohen Begriffe handwerksmässiger Landbader und der heilige Geldhunger noch fleissig fortgepflanzt und erhalten haben" - Quelle: Gerke, 1946

» Thermalwasser und seine Heilwirkung «
Das Radon war noch nicht entdeckt und die zahlreichen - Erklärungsversuche - über die Heilwirkung des Thermalwassers schienen nicht auszureichen. Es herrschte große Verwirrung, da die modernen Analysen keinerlei auffallende Eigenschaften entdecken konnten und so resümierten der Greifswalder Professor Hünefeld nach einer Analyse: "Nichts als ein salzarmes Wasser." - So wurde immer wieder der Verdacht geäußert, dass doch noch Stoffe im Wasser sein könnten, die eben nicht nachzuweisen sind. Dr. Zandonatti von Salzburg, der in Gegenwart vieler hoher Badegäste Untersuchungen anstellte, kam zu dem Schluss: "Die Natur dieses Wassers ist eine wahre Eigentümlichkeit, welche diese Mineralquelle mit keiner anderen gemein hat..." - und meint daher - "daß die chemische Mischung so innig und so lebendig sei, daß sie der bis jetzt bekannten Methode der Analyse ganz entrückt zu sein scheine." - Mit der Entdeckung der Radioaktivität und dem Nachweis von Radon im Thermalwasser wurde die Forschung forciert und zahlreiche Versuche sollten die Wirkung des Gasteiner Thermalwassers belegen. Dabei kommt man aber immer wieder zu dem Ergebnis, dass nicht allein das Radon, sondern noch andere (nicht bekannte) Wirkstoffe möglich seien. Das Kurortmilieu mit seinem besonderen Klima und vieles andere scheint hier zusammenzuwirken.

Kurortmilieu und Klimawirkung

Die - Höhenlage - mit dem verminderten Luftdruck und dadurch bedingten erniedrigten Sauerstoffspannung und der hohen UV-Strahlung - der deutliche erhöhten Luftradioaktivität und negativen Raumladung (erhöhte negative lonenzahl), insbesondere beim Bad Gasteiner Wasserfall sind gemeinsam mit dem Thermalwasser entscheidende Faktoren des Kurerfolges. Die Höhe des - Radongehaltes - ist offensichtlich nicht entscheidend und wird selbst gemeinsam mit dem Chemismus des Wassers nicht ganz verstanden. Entscheidend aber auch ist für den Kurerfolg das Klima, die Landschaft und das "Wegsein" vom Alltag. Die Badereaktion - auf, so ist die Wirksamkeit garantiert.

» Gasteiner Luft und Radioaktivität «
Die - Luft Gasteins - bewirkte bei den Kurgästen oft Schlafstörungen, eine erhöhte Wetterempfindlichkeit, welche sich bei Föhn zu großer Unruhe und Temperaturerhöhung steigert, traten auch auf, wenn die Gäste keine Thermalanwendungen hatten. und es traten auch ohne Bädergebrauch bei Rheumatikern schmerzhafte Zustände auf, wie sie uns nur als Badereaktion bekannt sind. Das Aufflackern von Halsentzündungen in der Gasteiner Luft und die akut ausgelösten Schmerzen bei vorher ruhenden Zahnerkrankungen sind ebenfalls bekannt.
Diesbzgl. war die Entdeckung der sog. "Wasserfallelektrizität" sehr aufschlussreich. Der Sprüheffekt des tosenden Wasserfalls bewirkt einen Überschuss negativ geladener Teilchen. Auch der Luftradongehalt erwies sich in der Bad Gasteiner Luft als 10 x höher als in sonstigen Gebieten. Vor den Quellstollen ist der Radongehalt der Luft hundertzwanzigmal höher als in normaler Freiluft. In Häusern mit Thermalbädern ist ein fünfzigmal höherer Luftradongehalt gefunden worden und in der Luft der Badekabinen wurde im Durchschnitt das Tausendsechshundert- und in den Quellstollen und im Dunstbad das Zehntausendfache der normalen Freiluft gemessen. Somit setzt sich das Spezialklima in Bad Gastein neben der Höhenlage aus der deutliche erhöhten Luftradioaktivität und der negativen Raumladung (erhöhte negative lonenzahl) zusammen.

» die mechanisch wirkenden Faktoren des gewöhnlichen Mineralbades «
Der Auftrieb des Wassers bewirkt eine beinahe Schwerelosigkeit und dient insbesondere der Behandlung gelähmter Glieder. Die Blutströmung wird durch die hohe Temperatur beschleunigt, die Atmung beeinflusst und der Vagus stimuliert. Inwieweit der Salzgehalt des Wassers einen Einfluss hat, ist nicht geklärt, eine Änderung im Mineralhaushalt wird aber beobachtet.

» Radon als wirksamer Faktor «
Musste zunächst erst nachgewiesen werden, ob das Radon in den Körper eindringen kann, so gilt es heute als erwiesen, dass die Emanation (das Radon) nach einem Radiumbad schon nach einer Viertelstunde in messbaren Mengen in die Organe des Badenden eingedrungen ist und dann sowohl im Harn wie im Blut nachgewiesen werden kann. Um einen Emanationsspiegel im Blut zu erhalten, muss für längere Nachfuhr gesorgt werden, was in Gastein schon durch die Radonluftwerte garantiert scheint. So ist auch ein Kureffekt ohne Bäder möglich, da ein 24-stündiger Aufenthalt in Bad Gastein einem halbstündigen Radiumbad entspricht.

» Radioaktivität und Chemismus wirken gemeinsam «
Positive Effekte an Pflanzen mit unterschiedlichen Ergebnissen fanden sich unabhängig vom Radongehalt des Wassers. Ein gesteigertes Hefewachstum hingegen war von der Radonkonzentration abhängig und die gute Wundheilung bei der Thermalwasserbehandlung scheint auf eine nachgewiesene Hemmung des Bakterienwachstums zurückzuführen sein. Ein frühes Experiment von Zwaardemaker, der ein herauspräpariertes Froschherz mit kaliumhaltiger Ringerlösung durchspülte zeigte, dass dieses weiter pulsierte. Wurde das Kalium aus der Nährlösung entfernt, so hörte das Herz zu schlagen auf. Wurde aber statt des Kaliums ein anderes radioaktives Salz der Nährlösung zugesetzt oder wurde das mit kaliumfreier Ringerlösung durchspülte Herz in die Nähe eines radioaktiven Präparats gebracht, so begann das Herz wieder zu pulsieren. Zwaardemaker schloss daraus, dass die Radioaktivität des Kaliums, das einen unentbehrlichen Bestandteil vieler Organe bildet, die Ursache der Automatie des Froschherzens darstellt. Bei diesen Versuchen entsprach die Radioaktivität der Nährlösung ungefähr der Konzentration der Gasteiner Heilquellen.
Noch viele weitere Versuche lassen zusammenfassend den Schluss zu, das der Chemismus der Quellen eng mit der Radioaktivität, auch in kleinen Dosen zusammenspielt und es wird weiterhin ein unbekannter Wirkfaktor postuliert, der mit den heutigen Methoden nicht erfasst werden kann.

» Radonwirkung auf den kranken Organismus «
Die Harnsäureausscheidung wird deutlich erhöht mit einem Abfall der Harnsäure im Blut. Eine Beeinflussung der Enzyme ist wahrscheinlich, konnte aber experimentell nicht sicher nachgewiesen werden.
Was die Trinkkur betrifft, schein die Salzarmut eine Rolle zu spielen, denn die Radon-Konzentration ist zu klein, als das ein Effekt erwartet werden kann. Derartige Flüssigkeitsmengen, die dazu notwendig wären, belasten den Magen-Darm-Trakt zu sehr und Dr. Gerke schreibt: "Aber schon durch die Salzarmut und die durch den Kohlensäurezusatz bei dem in Flaschen abgefüllten Thermalwasser bedingte erhöhte Wasserstoffionenkonzentration wird ein Optimum von harntreibender (diuretischer) Wirkung erreicht, was in all den Fällen angezeigt ist, wo es auf eine Durchspülung des Körpers ankommt: Also bei Gicht, harnsaurer Diathese, Nierensteinen ... - Daneben hat das Thermalwasser, wenn es getrunken wird, die Eigenschaft, die Fermentbildung (Kleißl) und die Salzsäuresekretion des Magens anzuregen, weshalb es bei Erkrankungen, die mit Salzsäuremangel einhergehen (Achylie, Blutarmut), vorteilhaft zur Anwendung kommt, nicht aber bei Übersäuerung des Magens. Das getrunkene natürliche Thermalwasser ohne Zusatz wirkt gewöhnlich - im Gegensatz zum künstlich emanierten Wasser, auch abgekühlt, etwas verstopfend." -
Eine im Forschungsinstitut hergestellte Radonsalbe soll bei Hautkrankheiten und Gelenkserkrankungen wirken, wenn diese das Heilbad nicht vertragen. Neben der lokalen schmerzstillenden Wirkung kommt dieser Salbe auch eine Allgemeinwirkung zu.

» Psychische und seelischen Beeinflussung durch das Milieu des Kurortes «
Grundlage dafür sind die Landschaft als eine neue Welt mit verschiedenen Erscheinungsbildern, hohen Bergen, von ewigem Schnee bedeckt, rauschenden einsamen Wäldern, dem Brausen der Wässer, die zu Tale fließen, primitiven Hütten mit ihren naturgebundenen schlichten Bewohnern, all dies tastet sich an die Seele des Kranken heran - Das Zeit haben zum Ändern schlechter Gewohnheiten, für Diät und Bewegung, was einen neuen Lebensrhythmus schafft. Dadurch wird erst die Heilungsbereitschaft wieder gefunden.

» Bäder und Klima als Reiz «
Wenn wir Bäder und Klima als Reiz auffassen, so antwortet der Kranke auf diesen Reiz. Die Reizbeantwortung nennen wir Reaktion - So schreibt Dr. Gerke in seinem Buch auf S. 150: "Die Allgemeinsymptome der Badereaktion zeigen sich in gesteigerter Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, also einer Art Krankheitsgefühl. In seltenen Fällen tritt die Reaktion als Heimweh und Unlustgefühl auf. Der Kranke fühlt sich unglücklich, er will wegreisen, jede Kleinigkeit im Hotel macht ihn wütend, er ist mit sich selbst, mit dem Personal, mit dem Essen, eigentlich mit allem unzufrieden. Nach 1 bis 2 Tagen ist das meist vorüber. Die heimische Bevölkerung spricht bei dieser Form vom Badekoller.
Diese Äußerung der Badereaktion tritt meist bei stark überarbeiteten Menschen, die lange keinen Urlaub hatten, auf. Es kommt ihnen erst, wenn sie einige Tage zur Ruhe gekommen sind, zum Bewußtsein, wie überempfindlich sie mit ihren Nerven sind; wenn sie sich an ihrer Umgebung entladen haben, sind sie rasch wieder beruhigt. Es ist eine charakteristische Eigenschaft der Thermen, schlummernde chronische Prozesse vorübergehend akut zu machen. Wir erkennen dies bei verschiedenen Erkrankungen im Auftreten von Organsymptomen, welche die Allgemeinsymptome der Badereaktipn begleiten. Alte Narben oder längst verheilte Brüche können für einige Tage wieder schmerzhaft werden. Am deutlichsten können wir die Organreaktion bei rheumatischen Erkrankungen verfolgen. Dort treten in Muskeln, Gelenken oder Nerven schon nach wenigen Bädern Schmerzsteigerungen, leichte Schwellungen der Gelenke oder neuralgische Schmerzen auf, die unter Umständen von leichten Temperatursteigerungen begleitet sind. Ein alter Spruch besagt, daß, wer mit einer Krücke ins Bad komme, nach der halben Kur oft zwei benötigen. Aber diese beiden geben die Gewähr für ein baldiges Gehen auf zwei Beinen. Bei Ischias und Gicht kann es besonders, wenn zu lange und zu intensiv gebadet wurde, zu schwereren akuten Attacken kommen, die selbst einige Tage Bettruhe erfordern und oft längere Zeit zu ihrer Heilung benötigen. Auch bei den Neuralgien sehen wir oft ein Aufflackern der Anfälle in Häufigkeit und Stärke. Die Reaktion zeigt ganz allgemein eine Umstellung im Organismus, einen Wechsel in der Konstitution des Kranken an. Sie ist uns ein sicheres Zeichen, daß der Patient auf die Kurmittel anspricht, daß seine Abwehrmaßnahmen aufgerüttelt und aktiver sind. Sie stellt ein erwünschtes Symptom dar, das wir mit der Überlegung verbinden, daß die Krankheit in ein akuteres Stadium eingetreten ist und dadurch unseren Behandlungsmethoden besser zugänglich wird."


Mit und ohne Reaktion können Besserung und Heilung während und gegen Ende der Kur eintreten. Sie können aber auch erst Wochen und Monate nachher als Spätwirkung auftreten. Sie tritt meist nach 4 bis 8 Wochen auf und es ist keine Seltenheit, das sich Kranke gegen Ende der Kur schlechter fühlen und über mehr Beschwerden klagen als bei ihrer Ankunft. Die Vertröstung mit der so oft belächelten Spätwirkung findet nicht immer Glauben. Trotzdem erlebt man es oft, dass gerade diese Skeptiker im nächsten Jahr dankbar wieder erscheinen, weil sie sich nachher das ganze Jahr über besonders wohl gefühlt und ihre Leiden verloren haben.

Heil- und Gegenanzeigen

Dr. Gerke schreibt in seinem Badebüchlein, dass ein Kurort wie Gastein nicht für einzelne Krankheiten ursächlich wirksam ist, sondern es werden vielmehr die Abwehrkräfte angeregt und die Widerstandsfähigkeit erhöht. Diese Einsicht erweitert die Heilanzeigen für den Kurgebrauch beträchtlich. Als große Krankheitsgruppen können die - Erkrankungen des Bewegungsapparates - mit Rheumatismus, Gicht, Arthrose, die - Kreislauferkrankungen - mit Herzmuskel- und Kreislaufschwäche, Gefäßverkalkungen und deren Folgen, Bluthochdruck und vasomotorische Störungen und die - Nervenerkrankungen - wie Wurzelneuritis, Ischias, Amputationsneurome, Trigeminusneuralgien zusammengefasst werden. Letztlich ist aber die Kur auch bei allen körperlichen und nervösen Erschöpfungszuständen angezeigt.
Als besonders gut beeinflussbar gelten u. a. die - "Blutdrüsen" - mit Beseitigung sexueller Störungen, die - Harnwege - und die - Haut - sowie die zahlreichen Alterserscheinungen.

» Erkrankungen des Bewegungsapparates «
Beim Rheumatismus - wird durch die Bäder die Reaktionsfähigkeit des Gewebes beeinflusst. Zuvor aber muss der (meist unbemerkte) Infektherd saniert bzw. ausgemacht werden. Die Therme kann derartige, schlummernde Infektherde (Mandel-, Zahn-, Nebenhöhlenentzündungen) aktivieren und so einer Heilung zuführen.
Bei den - Arthrosen - stehen Abnützungs- und Verschleißerscheinungen im Vordergrund. Schmerzen, Steifigkeit und Gehfähigkeit können nach einer Bäderkur gebessert werden, nicht aber die meist fortgeschrittenen Gelenksveränderungen selbst.
Bei der - Gicht - bzw. den betroffenen Gelenken steht die Senkung des Harnsäurespiegels im Blut durch erhöhte Harnsäure-Ausscheidung im Vordergrund. Dabei kommt es am Beginn der Kur zu einer Verschlimmerung der Beschwerden mit reichlich Bodensatz und Trübung des Urins. Diese Krankheitsform benötigt zusätzlich eine Trinkkur und eine Diät. Akut fieberhafte Gelenkerkrankungen sind von einer Badekur auszuschließen.

» Kreislauferkrankungen «
Der nicht fixierte - Bluthochdruck mit schwankenden Blutdruckwerten, ferner die Herzbeschwerden der Wechseljahre und die häufigen nervös vegetativen (vasomotorischen) Kreislaufstörungen mit erniedrigtem Blutdruck sprechen gut auf eine Bäderkur an. Der erhöhte Druck wird herabgesetzt, der verminderte zeigt eine Tendenz zum Ansteigen. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich aus der individuell verschiedenen Ansprechbarkeit des Gefäßsystems. Die sich ändernde Hautdurchblutung im Bad und die Umstellung des vegetativen Nervensystems scheint dafür verantwortlich zu sein. Ein schwer geschädigtes Herz, fieberhafte Herzmuskelentzündungen und fortgeschrittene Verkalkung der Herzkranzgefäße sind von einer Bäderbehandlung ausgenommen.

» Nervenerkrankungen «
Bei den entzündlichen Nervenerkrankungen - Neuritiden - wie Wurzelneuritis, Ischias, Amputationsneurome, Trigeminusneuralgien, diverse Sensibilitätsstörungen, sowie zentrale Erkrankungen, wie Tabes und multiple Sklerose scheint insbesondere das Radon eine herausragende Rolle zu spielen, da sich Radon in den lipoidhältigen Nervenscheiden gut anreichert. Diese Krankheitsformen stellen eine der Hauptanzeigen der Thermalbäder dar.
Ganz allgemein aber wirken die Bäder auch bei allen - körperlichen und nervösen Erschöpfungszuständen - und Dr. Gerke, 1946 meint auf S. 165 : "Mit dem, Siegeslauf der Technik der letzten Jahrzehnte ist unser Nervensystem nicht ganz mitgekommen und hat in seiner Entwicklung mit dem gesteigerten Tempo nicht Schritt halten können. Das Großstadtleben stellt auf die Dauer keine gesunde Lebensweise dar. Die natürlichen Lebensbedingungen haben sich grundlegend geändert, der gesunde Rhythmus des Tages ist durch das zweckgerichtete Leben verlorengegangen. Der Kreis unserer Pflichten ist größer geworden und erfordert oft Nachtarbeit, die unter Zuhilfenahme von Reizmitteln, Alkohol und Nikotin, durchgeführt wird. Die natürliche Ermüdung wird durch Willensanspannung und Energie übertönt. Bei vielen Menschen ergeben sich daraus Erschöpfungs- und Schwächezustände, die nach außen hin durch Anspannung aller Kräfte verdeckt werden. Sie zeigen sich in Überreiztheit, gestörtem Schlaf, mangelnder Konzentrationsfähigkeit, schwindendem Selbstbewußtsein, depressiver Verstimmung und Organbeschwerden ohne nachweisbaren objektiven Befund." - Auszuschließen aber sind von der Bäderkur Psychosen, Epilepsie und Paralyse. Nach Schlaganfällen ist mindestens ein Abstand von drei Monate erforderlich.

» Störungen der Blutdrüsen «
Der anregende Einfluss auf die Geschlechtsdrüsen bei Mann und Frau durch das Gasteiner Wasser wird schon in alten Büchern häufig hervorgehoben. Sexuelle Störungen können behoben werden, in den Wechseljahren tritt die Periode wieder ein usw. - Bei Gebärmutterblutungen oder Schwangerschaft ab den 3. Monat, sowie insulinpflichtigen Diabetes ist keine Thermalkur anzuraten.

» Erkrankungen der Harnwege «
Die harntreibende und lösende Eigenschaft des salzarmen Wassers, beeinflussen chronischen Entzündungen der Harnwege und insbesondere Nieren- und Blasensteine günstig. Kleine Konkremente, Harnsand und Harngrieß gehen oft nahezu schmerzfrei ab. Verbunden mit einer intensiven Trinkkur kann auch das Steinwachstum hintan gehalten werden. Auch bei einer Prostatahypertrophe bessern sich Beschwerden; zu einer Verkleinerung der Prostata kommt es allerdings nicht.

» Hautkrankheiten «
Die Haut zeigt viele Reaktionen bei unterschiedlichsten Krankheiten die den Stoffwechsel und auch den Vitaminbedarf betreffen oder bei unverträglichen Nahrungsmitteln. Chronische Ekzeme oder die Schuppenflechte kann positiv beeinflusst werden, was auf den hemmenden Einfluss des Bakterienwachstums zurückgeführt wird.

Gebrauch der Bäder

Die noch vor dem 18. Jahrhundert stundenlangen Badezeiten haben sich heute beträchtlich verkürzt. Zum einen ist heute die Quellfassung mit den technisch hochwertigen Zuleitungen kaum mehr mit Radonverlust verbunden und zum anderen ist aufgrund der heutigen Lebensweise das Nervensystem wesentlich empfindlicher und somit für lange Badezeiten gar nicht mehr geeignet. Die Badetemperatur beträgt durchschnittlich 35° C, wobei nervösen Menschen eine niedrigere Temperatur, einem Gelenkkranken hingegen eine höhere Temperatur zugemutet wird. Die Badedauer beträgt 10 bis 30 Minuten und - täglich kann das Bad nur wenigen empfohlen werden. Unterschiedliche Beschwerden erfordern individuelle Anwendungen, die vom Arzt vorgegeben werden. Leider kursiert viel Unsinn im Kurort, wie den die Kur auszusehen hat und Erfolg verspricht. Einige Irrtümer betreffend die Themen - Kurdauer - Kurintensität - Erfolgsgarantie - Nachkur - Badeausschlag - welche sich im "Gasteiner Badebüchlein" von Dr. Otto Gerke wieder finden.

» Kurdauer «
Irrglaube Nr. 1 - "nur eine ungerade Anzahl von Bädern oder eine Mindestzahl von 21 verspricht Erfolg!" -
Die Kurdauer ist abhängig von der Grundkrankheit und der Reaktionsweise des Patienten. Meist ist eine Kurzeit von 3 bis 4 Wochen ausreichend, oft aber müssen 4 bis 6 Wochen verlangt werden. Manche Krankheiten bedürfen einer höheren Bäderzahl, bei vielen anderen genügen schon ganz wenige Bäder, wo die klimatischen Faktoren das wichtigere Heilmittel darstellen. Überhaupt ist für den Erfolg eine dem jeweiligen Krankheitszustand individuell angepasste Verordnung von Temperatur, Dauer und Anzahl der Bäder und der übrigen Kurmittel von ausschlaggebender Bedeutung.

» Kurintensität «
Irrglaube Nr. 2 - "dass eine möglichst intensive Kur immer auch viel helfen muss!" -
Es kommt nicht darauf an, die berühmten vom Irrglauben behafteten 21 Bäder zu schaffen, sondern allein darauf, dass man sich kräftigt und gut erholt. Die richtige Einstellung und Lebensweise mit viel körperlicher Bewegung sind der richtige Weg und es gibt viele, die sich gleich in den ersten Kurtagen besonders angeregt oder frisch fühlen und ermüden kaum auf längeren Spaziergängen. Oft aber ist damit eine Überschätzung der eigenen Kräfte verbunden und gerade ältere Menschen mit sitzender Lebensweise und reichlich vorbestraftes und untrainiertes Herz erleiden dann einen Leistungseinbruch. Im Hochgebirge ist bei jedem nicht akklimatisierten Menschen jede körperliche Anstrengung anders zu bewerten als in der Tiefe und erfordert eine allmähliche Steigerung der Bewegung. Wieder ist es der Arzt, der den Kurgebrauch abstimmen muss. Auch sind jugendliche Menschen gegen die Bäder wesentlich empfindlicher als ältere. Die ungleiche Wirkung bei älteren und jungen Menschen wird mit der im Alter verschiedenen Ansprechbarkeit des vegetativen Nervensystems erklärt, was öfteres Aussetzen der Bäder bei jungen Menschen erforderlich macht.

» Erfolgsgarantie «
Irrglaube Nr. 3 - "drei Wochen Kur sei ein Garantiebrief, um die übrigen 49 Wochen des Jahres ein möglichst unvernünftiges Leben fortsetzen zu können!" -
Die kurze, nur auf wenige Wochen beschränkte Dauer des Aufenthaltes macht es dem Arzt schwer, den Patienten neben seiner Beschwerden als Ganzes zu erfassen, inklusive seine Lebensweise, Arbeitsbelastungen, Sorgen und Nöte. Alle diese Faktoren müssen aber zur Erstellung einer individuellen Bäderkur einfließen. Dazu muss neben dem Gebrauch der Bäder auch die Lebensweise mitberücksichtigt werden, wozu auch die Diät gehört, welche allerdings wesentlich von der - Diätetik des 19. Jh. - abweicht und noch einmal eine Neuerung - die positive Diät - Ende des 20. Jahrhunderts erfährt.

» Nachkur «
Irrglaube Nr. 4 - "3 bis 6 Wochen nach der Kur dürfe man keine gewöhnlichen Wannen- oder Freibäder nehmen!" -
Natürlich wird man einem Rheumatiker oder Herzkranken keine eiskalten Seebäder gestatten oder anempfehlen. Dort aber, wo Wannen- oder Seebäder vertragen werden, können sie vorsichtig auch nach der Kur genommen werden.

» Badeausschlag «
Irrglaube Nr. 5 - "der Badeausschlag gilt als Zeichen einer inneren Krise und sein Auftreten ist die Gewähr für die sichere Heilung!" -
Der Badeausschlag - ein juckender, punktförmiger Hautausschlag - tritt besonders bei Menschen mit empfindlicher Haut auch bei kurzer Badedauer auf und scheint lediglich durch das lange Verweilen im Wasser bedingt zu sein. Er tritt meist Mitte der Kur auf und dauert einige Tage. Ein Zeichen der inneren Krise ist er nicht.

» Leberdiät «
Irrglaube Nr. 6 - "bei Leberleiden ist eine drastische Einschränkung von Eiweiß notwendig, da Eiweiß besonders belastend für die Leberzelle sei!" -
Bei Diätvorträgen, vor allem in sogenannten Reformschriften hört und liest man diese irrige Ansicht noch heute. Wir wissen aber, dass Eiweiß für die Leber unbedingt nötig ist. Das Vorhandensein von gewissen Aminosäuren (Eiweißbaustoffen) ist ein entscheidender Faktor für die Widerstandskraft dieses Organs, der Mangel an Proteinen kann Leberschäden bewirken. - Quelle: Die Gasteiner Kur von Dr. H. Greinwald, 1986

Siehe weiter im - Doku-Archiv - zu diesem Thema:
  - Älteste Badeordnung -
  - Ärzte in Gastein - bis 1945
  - Badestuben - Hofgastein, Briefe
  - Bader - bis 1900
  - Gasteiner Kur I - Diätetik -
  - Gasteiner Kur II - Heilanzeigen -
  - Gasteiner Kur III - Anwendungen -
  - Gasteiner Kur, Diätetik - Eble, 1834
  - Kurarzt Dr. G. Pröll
Siehe auch die Seiten:
  - Warme Quellen -
  - Kurgäste Gasteins -

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Anmerkung: Die Informationen und Textstellen wurden auszugsweise dem Buch dem Buch "Gasteiner Badebüchlein" von Dr. Otto Gerke, 1946 - entnommen.

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