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Tb - Zentralalpen/Gasteinertal: Bergsturz - Massenbewegungen
Gasteinertal, Hohe Tauern Geologie : Gasteinertal
Geologie - Gasteinertal

Hohe Tauern . Gasteinertal

Graukogel . Massenbewegungen

Im Rahmen einer Masterarbeit (Matthias Ebner, 2013) wurden aktuelle, bewegungsrelevante Veränderungen am Hang des Graukogels untersucht. Es wird angenommen, dass der von Blockschutt und Lockermaterial aufgebaute Hang entlang von Gleitbahnen aus Kalkglimmerschiefer talwärts kriecht, was nicht unerhebliche Bauwerkschäden im Ortszentrum und eine Beeinflussung der Thermalquellen zur Folge haben können.
Es handelt sich dabei um abwärts gerichtete Gleitbewegungen entlang von Gleitflächen, wobei die Oberfläche der Rutschmasse oft ungestört bleiben kann oder aber Kriechbewegungen, welche oberflächennah oder auch tiefreichend sein können. Die Bewegungsraten liegen im Bereich von Millimeter bis Zentimeter pro Jahr, sodass es zu keiner sichtbaren Veränderung der Landschaft kommt. Starkniederschläge allerdings (oder auch bei der Schneeschmelze) können kurzzeitig einen Anstieg der Verformungsgeschwindigkeit bewirken.

Geologie Graukogel

Die gesamte Reichebenalm und die Palfneralm sind mit Bergsturzblockwerk und teilweise Moränenblockwerk bedeckt. Der Graukogel bis zum Hüttenkogel besteht aus Granitgneis mit Vormacht des Kalifeldspates, welcher sich nach Norden fortsetzt und dem Hölltorkern zugehört. Die NW-Flanke hingegen entspricht einem Gneis, welcher dem Siglitzlappen zugesprochen und dementsprechend als Siglitzgneis bezeichnet wird. Dieser wird von einem Schiefermantel umgeben, welcher auf der gesamten NW-Flanke und entlang des Grates vom Graukogelgipfel zum Hüttenkogel den Siglitzgneis ummantelt. Diese Schieferplatten sind mit hellen wie dunklen Glimmern bedeckt. Zwischen den Schieferplatten in der Höhe und dem Talgrund bei Bad Gastein liegen die abgerutschten Gesteinsmassen und Bergsturzblockwerk vom Graukogel. Abgerutscht ist der Granitgneis, die Glimmerschiefer dienten als Gleitbahn. Die Abrissfuge befindet sich in der NW-Flanke des Graukogels auf 2100 m Seehöhe. Aufgeschlossen sind die Schiefer am Hüttenkogel und am Grat hin zum Graukogelgipfel, wo die Schieferplatten mit einer Hangneigung von etwa 40° nach NE-SW streichen. Nach 100-200 Höhenmetern werden die Schieferplatten von Blockwerk und Schutt bedeckt. Der Übergang vom Schiefergestein zum Granitgneis befindet sich bei der Scharte unterhalb vom Graukogelgipfel, die den Vorgipfel mit dem Hauptgipfel verbindet.

Grat Graukogel
Graukogel, Gasteinertal Graukogel, Gasteinertal Graukogel, Gasteinertal Graukogel, Gasteinertal
Hüttenkogel
Hüttenkogel, Gasteinertal Hüttenkogel, Gasteinertal Graukogel, Gasteinertal
Massenbewegung an der NW-Flanke des Graukogels

Mehrere geologische Gutachten, die aufgrund geplanter Bauprojekte im Ortszentrum erstellt wurden weisen darauf hin, dass der Untergrund aus sandigem Hangschutt, welcher mit Steinen und Blöcken durchsetzt ist und nur in größeren Tiefen kompakten aber auch zerrütteten Gneisfels besteht. Messungen, welche Hangbewegungen erfassen sollen, ergaben zudem Talzuschubbewegungen von 11 mm/Jahr für die oberflächennahen horizontalen Verschiebungen und ca. 3mm/Jahr für die tiefliegenden Verschiebungen.
Bis hinauf in den obersten Regionen des Hütten- und Graukogels ist kein anstehender Fels auszumachen, lediglich Lockergestein und Geröll ist anzutreffen; hin und wieder Moränenmaterial entlang der Forststraße. Der gesamte Hang ist von Lockergestein, Blockwerk und Moränenmaterial bedeckt. Erst unterhalb des Hüttenkogelgipfels (die letzten 100-200 Meter) liegen Schieferplatten frei.

Es gibt etwas 100 Messpunkte am Hangfuß des Graukogels bzw. im Ortszentrum von Bad Gastein, wo verstärkt Deformationen gemessen werden. Wie tief allerdings die Gleitfläche liegt, ist nicht bekannt. Die Bewegungsraten im Bereich der Steilstufe im Ortsgebiet nach Süden hin sind gering, nach Norden hingegen (Pfarrkirche, Gravenegg-Brücke) treten größere Verschiebungen auf. Der rund 130 m tiefere Talboden Richtung Norden bietet offensichtlich nur einen geringen Widerstand und so kann der Hang frei nach unten kriechen. Die Bewegungsrichtung des Hanges verläuft nach neueren Messergebnissen nach NW. Dabei handelt es sich weitestgehend um Horizontalverschiebungen - Höhendifferenzen sind sehr gering.
Zwischen 1978 und 1986 wurde die Hangbrücke Gravenegg messtechnisch überwacht, wobei sich zeigte, dass sich die Brücke als Gesamtes zur Gasteiner Ache hin verschiebt, bevorzugt horizontal bei nur geringer Höhendifferenz.
Messdaten von 2005 (ZT Büro Fleischmann) am NW-Hang des Graukogels nördlich der Talstufe ergab eine Horizontalverschiebung zwischen 1,5 und 2 cm/Jahr im Bereich Villa Gravenegg - ehem. Gasteinerhof - Schillerhof. Nach Norden wie nach Süden nehmen die Bewegungsraten ab. Die vertikale Verformungsrate hingegen lag nur bei 0,16 bis 0,27 cm/Jahr. Der Versuch, mittels GPS-Messung die Hangrutschung im gesamten Graukogelgebiet zu objektivieren musste wegen zu großer Messungenauigkeiten eingestellt werden.
Die Massenbewegung am Graukogel hat eine flächenmäßige Ausdehnung zwischen 5 und 6 km². Die Überlagerung nimmt im Fußbereich schnell stark zu, wodurch eine Mächtigkeit von über 100 m wahrscheinlich ist. Die volumenmäßige Ausdehnung dürfte zwischen 500 Mio. m³ und ca. 1 Mrd. m³ liegen.

Zahlreiche Gebäude am Fuße des betroffenen Hanges weisen aufgrund dieser Horizontalverschiebung Risse im Mauerwerk auf. Die Preimskirche mit den umliegenden Häusern und die Nikolauskirche sind besonders von dieser Massenbewegung betroffen. Generell ist auch anzumerken, dass Baumaßnahmen im Bereich der Hangdeformation, insbesondere im Bereich der Steilstufe im Ortszentrum, besondere technische Maßnahmen erfordern, da diese Bewegungen Gebäude geradezu auseinanderreißen können. Die Pfarrkirche und die umliegenden Häuser sitzen auf einem Hangschutt, die etwas von der globalen Verformungsrichtung abweicht. Hier kommt zu der kriechenden Massenbewegung noch oberflächliche Bewegungen in den übersteilten Hanggebiet hinzu, was tiefgreifende Setzungserscheinungen begünstigt.
Da konstruktive Maßnahmen zur generellen Hangstabilisierung, auch aufgrund mangelnder Kenntnis der Gleitfuge nicht möglich sind, müssen zukünftige Bauprojekte die kontinuierliche Hangdeformation mit einbeziehen. Erfährt das Gebäude eine gleichmäßige Verschiebung, sind keine Schäden zu befürchten, differentielle Bewegungen aber verursachen Risse im Mauerwerk und gefährden die Stabilität.
So ist der Masterarbeit von Matthias Ebner zu entnehmen, dass Bauwerke zukünftig kleine Abmessungen haben sollten. Großen Bauten (Hotelanlagen), sollten durch mehrere kleinflächige Bauwerke realisiert werden, mit gelenkig und frei verschieblichen Verbindungsbauten. Bei Bauwerken über 20 m Länge könnten Bewegungsfugen den einzelnen Elementen gewisse Verschiebungen erlauben, bevor es zu Rissen kommt. Ebenso wie bei Kleinbauten müssten die Tiefgeschosse in Stahlbetonweise ausgeführt werden, um so die nötige Steifigkeit zu erhalten, sodass das Gebäude "mitschwimmen" kann. Gründet man ein Bauwerk hingegen auf anstehenden Fels, besteht die Gefahr der Abscherung entlang der Gleitfuge aufgrund der anhaltenden, kriechenden Massenbewegung. Leitungsstränge, welcher quer zur Hangrichtung verlaufen, sind ebenfalls gefährdet, was unbedingt berücksichtigt werden sollte.

Mauerschäden an Gebäuden im Ortszentrum von Bad Gastein
Mauerrisse, Nikolauskirche Mauerschäden, Lainerhaus Mauerschäden, Preimskirche Mauerrisse Wohnhaus, Bad Gastein

Auch die Thermalquellen liegen in einem labilen Hangbereich. Die größten Wassermengen werden im Lockergestein in kurzen Stollen gefasst und gerade hier kommt es immer wieder zu Hangrutschungen und Murabgängen. Ein im Murenschutt angetroffener Lärchenstamm, welcher im Zuge der Sanierung des Elisabethstollens angetroffen wurde ergab, dass die Mure noch vor der Römerzeit niedergegangen ist (Janschek und Kahler, 1990). Auch gibt es keinen Hinweis, dass den Römern die warmen Quellen bekannt waren. Diese sind vermutlich erst lange nach dem Abzug der Römer im Gasteinertal durch fluviatile Erosion der Gasteiner Ache (wieder) freigelegt worden.
Die Thermalquellen sind heute durch eine sog. Schongebietsverordnung geschützt, wobei die Zone I als das Ursprungsschongebiet etwa von der Gravenegg-Brücke bis zur Pyrkerhöhe besonders strenge Vorschriften beinhaltet betreffend Bodeneingriffe, Entnahme von Grund- und Thermalwasser, Durchführung baulicher Maßnahmen etc. Es bleibt zu hoffen, dass die Massenbewegungen vom Graukogel die Thermalquellen nicht wieder versiegen lässt.

Ursachenforschung der Massenbewegung

Das Abschmelzen der Eismassen nach der letzten Eiszeit, wo das Gasteiner Tal bis auf 2.100 m Seehöhe mit Eis gefüllt war, führte zur Druckentlastung der Bergflanken. Die Übersteilung der Hänge, bedingt durch den Eispanzer führte nach Abschmelzen des Eises dann zu Hangrutschungen und Bergstürzen.
Das nun talwärts abgerutschte Lockergestein und Blockwerk am Hang hatte früher wohl den Grat und Gipfel des Graukogels aufgebaut. Die Schieferplatten der steilen NW-Flanke wurden dann beim Bergsturz teilweise mitgerissen und sind nun ebenfalls Teil des Hangschuttes. Kernbohrungen am Fuße des Graukogels konnten mit bis zu 40 m Endteufe keinen anstehenden Fels aufschließen. Der Gneis scheint im Tal flach geneigt, wobei sich die Schieferflächen zum Gipfel hin vermutlich versteilen und beim Gipfel des Hüttenkogels bzw. entlang des Grates mit rund 40-45° Fallwinkel unter dem Hangschutt auftauchen, wie der Masterarbeit von Matthias Ebner zu entnehmen ist.
Die Ausdehnung der Massenbewegung reicht insgesamt vom Grat Graukogel-Hüttenkogel einerseits bis zur Steilstufe im Ortszentrum Bad Gastein und andererseits bis ins Kötschachtal etwa auf Höhe des Hoteldorfes Grüner Baum und nimmt somit eine Fläche von 5,5 km² ein.

Siehe auch die Seiten:
- Ablagerungen - Erratica - Gneisblöcke
- Bewegungen - Bergsturz - Blockwerk
- Tektonik - Hohe Tauern - Skizze
- Geologie - Zentralalpen - Querschnitt

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Anmerkung: Beschreibungen und Textstellen wurden überwiegend der Publikation von Matthias Ebner entnommen, welcher im Rahmen einer Masterarbeit eine - "Geotechnisch-geologische Untersuchung der großen, kriechenden Massenbewegung am Beispiel Graukogel in Bad Gastein" - verfasste. Als Betreuer der Masterarbeit wird Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Roman Marte, Graz 2013 genannt. Weitere Textstellen wurden dem Buch "Erläuterungen zur Geologische Karte der Umgebung von Gastein" von Christof Exner, Wien 1957 - entnommen.

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Geologie der Zentralalpen/Gasteinertal: Bergsturz / Massenbewegungen
© 2018 by Anton Ernst Lafenthaler
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