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ZG - Gasteinertal/Zeitenwende: Gewerbe - Handwerksbetriebe (5.2.) *
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Zeitenwende . Gasteinertal

Gastein im 21. Jahrhundert

Handwerksbetriebe

Handwerksbetriebe mit den Handwerksberufen Bäcker, Tischler, Elektriker, Schlosser, Fliesenleger, Maurer, Hafner etc. gibt es im Gasteinertal noch zahlreich. Waren die Handwerkerbetriebe im 19. Jh. nur im Markt Hofgastein angesiedelt, änderte sich dies selbstverständlich im 20. Jahrhundert und heute. Viele der Betriebe siedeln heute am Ortsrand oder in sog. Gewerbegebieten, wie z.B. in Harbach oder in Badbruck. Allerdings sind so manche Handwerksberufe dem Verschwinden nahe, so z.B. der Schmied und auch der Bäcker oder der Fleischermeister, der Schuhmacher oder der Schneider. Alles industriell gefertigt und angeliefert aus fernen Ländern. Selbst Backwaren werden nicht mehr in der traditionellen Backstube hergestellt - alles in Großbetrieben. So sind viele der Handwerksberufe mangels Auftragsarbeit heute ganz aus dem Gasteinertal verschwunden, wie der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch häufig vorkommende Schmied, insbesondere der Hufschmied oder der Sattler u. v. a. m.
So schreibt Muchar, 1830 (1a) : "Der geringste Theil der Thalsbewohner treibt zu Dorf, Hofgastein und im Wildbade bürgerliche Gewerbe, welche ehedem bei blühendem Bergbaue und lebhaften Handel von XIV. bis zum Ende des XVII. Jahrhunderts sehr blühend gewesen, nun aber entweder ganz eingegangen, oder verarmt sind. Die meisten, und für die gewöhnlichen Lebensbedürfnisse nothwendigen Handwerker befinden sich im Markte Hof."
Mitterdorfer, 1820 schreibt (1b) : "Das Dorf Wildbad Gastein zählt dermahlen 20 Hausnumern, und bey 100 Einwohner. Die Ortsbewohner, bestehend in Wirthen, Bäckern, Krämern, Handwerkern u.s.w leben größtentheils von den hier jährlich zahlreich sich einfindenden Kurgästen." - und weiter: "Der größte Reichthum der Thalbewohner besteht in ihrem Viehstande."
In der ältesten Zeit gab es keine Arbeitsteilung. Jeder erzeugte selbst was er zum Leben brauchte, wie das auch später noch auf unseren Bergbauernhöfen geschah. Mit zunehmender Besiedlung und dem Entstehen immer größer werdender Bauernhöfe, Dörfer und Märkte, wie S. Hinterseer anführt, wurde Arbeitsteilung notwendig und es entstanden erste Gewerbebetriebe, die im Zuge des zunehmenden Bergbaues im 16. Jahrhundert im Gasteinertal weiter immer wichtiger wurden. Bei steigendem Wohlstand erhöht sich im Allgemeinen ja auch die Anzahl der unterschiedlichen Handwerksberufe. - Zu den ältesten Handwerksbetrieben gehörten wohl der Müller, der Bäcker, der Fleischhacker, Lederer, Schuster, Weber, Schneider, Maurer, der Schmied und der Zimmermann. Auch im Bergbau kam es zur Arbeitsteilung, je nach Geschicklichkeit und Erfahrung. Es entstanden Spezialberufe wie der Schmelzer, Pocher, Scheider, Sackzieher, Hauer usw. - Auch gab es bereits Handwerkervereinigungen ("Handwerkerzeche"), wie eine Urkunde aus dem Jahre 1405 beweist. Urkundlich lässt sich allerdings nicht nachweisen, wann das erste Gewerbe im Gasteinertal entstand (1c).

(a) Frühe Handwerksberufe

Urkundlich sind aus dem Jahre 1350 folgende Berufe dokumentiert: Fleiser (auch Fleischakker oder Fleischhackcher), Spinner, Schuester, Prunmaister, Textor (= Weber), Huf-, Kalt- und Messerschmied, Gastgeber, Bader, Kürschner, Schlosser, Tischler, Zimmermann, Handelsfuhrknecht, Weißgerber, Weinsamber, Gwandschneider, Präuer, Krämer, Glaserer und Clamberer, Salitermacher, Träxler. Diese Aufzählung ist weithin unvollständig. Es gab auch Hafner, Korbmacher, Abdecker und insbesondere bergmännische Facharbeiter, die aus fremden Ländern (vor allem aus Sachsen) zu uns kamen, wie Schmelzer, Pocher, Scheider usw. - womit sich Spezialberufe für den Bergbau auch in Gastein etablierten.
Fritz Gruber berichtet uns (Gasteiner Rundschau September 2019), dass im Jahre 1816 im Gasteinertal, vorwiegend im Markt Hofgastein zahlreiche hier ihren Beruf ausübende Handwerker bzw. Versorger angesiedelt waren. Dazu gehörten Wirte, Bäcker, Metzger, Krämer, Schneider, Schuster, Tuchhändler, Weber und Müllner (siehe Tabelle). - Gewerbebetriebe waren zu dieser Zeit ausschließlich im Markt Hofgastein angesiedelt und zwar u. a. 1 Schlosser (ehem. Schlosserhaus Nr. 40, später Café Kaiser Franz, heute Trachtenmodengeschäft) 1 Wasenmeister (ehem. Abdeckerhaus Nr. 20, heute Schinderhäusl), 1 Weißgärber (ehem. Weißgärberhauß Nr. 86, später Hampl-Haus) Branntweinbrenner, Branntweinzäpflerei (Steinhaus Nr. 8, später Haus Gruber bzw. Café Reichedseder) gab es wohl mehrere (?). 1 Brauer (Unter- oder Moserbräuhaus Nr. 48, heute Kurhaus Hötzendorf) 1 Färber, 1 Glaserer (Klampfererhaus bzw. Glaserhaus Nr. 103, später Irnberger) 1 Hutmacher (Hutmacherhaus Nr. 19, heute Haus Austria, Zelger) 1 Kürschner (Kürschnerhaus Nr. 39, später Haus am Bach) 1 Lebzelter, 1 Leimsieder, 1 Rauchfangkehrer, 1 Seiler (Zugseisenhaus Nr. 16, später Konditorei Scharf, heute Wohnhaus) 1 Sattler, 1 Saliter-Sieder (Saliterhaus Nr. 37)

Gewerbe- und Handwerksberufe im Jahre 1816

  Wirte Bäcker Metzger Krämer Schneider Schuster Tuchhändler Weber Müllner
Hofgastein 8 2 3 9 5 5 4 6 5
Badgastein 4 2 1 2 2 1 0 0 1
Dorfgastein 2 1 0 2 2 1 0 2 2
- Handwerksberufe 1816 - Quelle: lt. Fritz Gruber, Bad Gastein (2d)

Marktrechte und die Gasteiner Taidingen

Gewerbliche Bestimmung regelten und kontrollierten die Handwerksbetriebe. So führt S. Hinterseer folgende Textauszüge aus Dokumenten und Urkunden an (2a) : "Es sollen weder in dem Marckht noch auf dem Gey khainerley Hanndtwercher, es seyen Arzt, Pader, Schloßer, Müllner, Pöckh, Schnaider, Schuechmacher, Schmidt und andere zugelassen noch angenommen werden, er habe dann sein Hanndtwerch ordentlich erlernet und dessen glaubwürdige Uhrkhundt fürzeweisen, gleichfahls soll man von den Orten, wo diese abgezogen seyen Kundschaften bringen und hören, wie sie sich dort verhalten hätten." - "Der Müller soll seine uralte Maß gebrauchen und niemanden übervorteilen." - "Wirte und Krammer sollen gerechte Khanndln haben und gerechtes Maß halten." - "Die Fleischhauer und diejenigen, die Fleisch ausgeben, sollen besonders sauber sein und sich der angeordneten Beschau unterwerfen, desgleichen die Pöckhen gerechtes Gewicht halten und im ganzen Gey soll überhaupt ein einheitliches Gewicht sein."
Zahlreiche Bestimmungen folgten und wurden auch immer wieder erneuert. So führt S. Hinterseer chronologisch folgende Bestimmungen an (2b) : "1711 erfolgt das Verbot des Ledergerbens für die Bauern selbst. 1713 lesen wir von Bäcker- und Müllervisitationen und Feuerbeschauen. 1742 wurde das "Aufmachen" (= Musizieren in Gasthäusern) verboten. 1750 gilt das Abdeckergewerbe noch als ein unehrsames Gewerbe. Der Abdecker durfte daher in den Wirtshäusern nicht am Tische der Bürger oder Gewerbetreibenden Platz nehmen, denn "er war nicht befugt unter ehrsamen Leuten zu sitzen". Selbstverständlich verloren die Lutheraner auch ihre Bürger- und Handwerkerrechte.

Handwerker in Gastein im 19./20. Jahrhundert

Im - Jahr 1892 - gab es im Hofgasteiner Gemeindegebiet insgesamt (2c) : 4 Schmiede (1 im Markt), 1 Spengler, 1 Schlosser, 2 Wagner, (1 im Markt), 1 Uhrmacher, 2 Säger, 2 Binder, 2 Tischler, 1 Drechsler, 1 Lederer, 1 Weißgerber, 2 Sattler, 3 Weber, 1 Seiler, 4 Schneider, 3 Handschuhmacher, 9 Schuster im Markt, 1 Hutmacher, 2 Bäcker, 4 Fleischer im Markt, 1 Sodawassererzeuger, 2 Bau- und Maurermeister, 2 Glaser und 1 Kaminfeger. -
Emil berichtet uns von 9 Wirtshäuser und mehrere bürgerliche Gewerbe in Hofgastein und solche wie Hutmacher, Spängler und Sattler etc.
In Bad Gastein waren es die Bader, die als Gewerbe (3 Jahre Lehrzeit + Meisterprüfung) gutes Geld verdienten; ebenso das Fiakergewerbe. Mitterdorfer, 1820 berichtet von Wirthen, Bäckern, Krämern und Handwerkern im Wildbad Gastein, welche größtenteils von den hier jährlich zahlreich sich einfindenden Kurgästen lebten. Der Niedergang des Bergbaubetriebes im 18. Jahrhundert betraf natürlich auch die Gewerbebetriebe und so berichtet uns Koch-Sternfeld, 1820 (2d): "Viele bürgerliche Gewerbe, welche vom 14ten bis zum 17ten Jahrhunderte, in den blühenden Zeiten der Gewerken und des italienischen Handels, hier im lebhaften Betriebe standen, sind verarmt oder eingegangen. Einige nähren sich noch vom Heilbade und vom Bergbau." - Im Zuge der Protestantenvertreibeng wanderten in der Zeit von 1731 bis 1733 zahlreiche Handwerker, Gewerbetreibende und im Bergbau beschäftigte aus. Eble berichtet uns (2e), dass es nur einen einzigen Uhrmacher, gegen 15 Wirte, aber nicht einen einzigen Zuckerbäcker gäbe.

Mitte der 20-er Jahre kam es zum Aufschwung des Fremdenverkehrs und es gab somit auch viele Neuansiedlungen von Handwerkern und Gewerbetreibenden. Zu den sog. "alten" Handwerksberufen zählten zu dieser Zeit noch der Schmied, insbesondere der Hufschmied, der Schuster, der Hutmacher, der Schneider, der Sattler, Tischler, Zimmerer und der Uhrmacher. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren es noch der Bäcker, der Fleischer, der Spengler, der Schlosser, ein Schuster und der Schmied. Allerdings kamen zahlreiche Handwerksberufe hinzu, die es im 19. Jahrhundert nicht gab. So war das Elektrohandwerk oder der "Mechaniker" erst im 20. Jh. im Gasteinertal als Handwerksberuf bekannt. Erntedankfeste mit sehenswerten Umzügen erinnern noch an altes Handwerk und Berufsgruppen, die heute als Hobby oder gar nicht mehr ausgeübt werden.

(b) Handwerksberufe im 21. Jahrhundert

Um die Jahrtausendwende sind viele der sog. "alten" Handwerksberufe wie schon erwähnt z. B. der Sattler oder der Hutmacher ganz verschwunden, nicht zuletzt auch deshalb, weil die meisten der damals per Hand fabrizierten Produkte mittlerweile von Maschinen hergestellt bzw. industriell gefertigt werden und so das "klassische" Handwerk nicht mehr gefragt oder zu teuer scheint. Das damals dazu notwendige Wissen um deren Herstellung per Hand geht dadurch natürlich verloren. Auch wenn deren Vorgänge und Handgriffe beschrieben sind, so fehlt doch der direkte Kontakt mit dem Meister, der durch jahrelange Übung sein Handwerk mit allerlei Tricks auszuüben verstand.
Heute . . . gibt es nur mehr wenige der noch im 20. Jh. alltäglichen Handwerksberufe im Gasteinertal, wie den Fleischermeister, den Bäcker und Konditor, den Schuster, den Glaserer und Spengler, den Kaminkehrer oder den Schlosser und Schmied. Die noch bis Ende des 20. Jh. arbeitenden Schneider, Uhrmacher und Sattler sind heute ohnehin ganz verschwunden und Betriebe wie der Weißgerber, der Lederer, Binder, Seiler oder Sodawassererzeuger sind uns kaum mehr erinnerlich. - Handwerksberufe wie : Tischler, Spengler, Dachdecker, Zimmerer, Fliesenleger, Hafner, Elektriker- und Mechanikerberufe konnten sich in Gastein ins 21. Jahrhundert hinüberretten. Heute gibt es auch völlig neue Berufszweige und Unternehmungsgründungen wie z. B. den Mechatroniker, den Seilbahntechniker, den Regeltechniker, den Werbegrafiker um nur einige zu nennen. Sie konnten auch im Gasteinertal Fuß fassen und sind deutlich im Aufschwung.
Um sich der Konkurrenz von außen besser stellen zu können, wurde 2015 der Wirtschaftsverein - EinGastein - gegründet mit dem Ziel, die Wirtschaftsbetriebe, die Kaufkraft und Arbeitsplätze im Tal zu halten und verstärkt Lehrlinge auszubilden. Aber mittlerweile gehören nicht nur Handwerksbetriebe und Geschäfte diesem Verein an, sondern sämtliche am Wirtschaftsleben teilnehmenden Gewerbetreibenden.
- Zum Thema siehe auch :
- Kapitel 4.3. : Innovation - Wirtschaftsverein EinGastein . . .

Die "alten" Handwerksberufe im 21. Jahrhundert
Metallverarbeitung, Bad Hofgastein Tischler, Bad Hofgastein Zimmerer, Dorfgastein Schuster, Bad Hofgastein Schmied, Dorfgastein
Alte Handwerksberufe wie Schmied, Tischler, Zimmerer, Hafner, Schlosser und Schuster konnten sich im Gasteinertal erfolgreich ins 21. Jh. retten.

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Weiterführende und verwandte Themen :
Gastein im Bild
• Kunst und Handwerk - Rieser Felix - Metallarbeiten
• Frühe Erfindungen - Michael Lindebner - Techn. Sammlung Breyer
• Ereignisse - Erntedankumzug - Bad Hofgastein 2009

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Literatur : Die Informationen der oben angeführten Themenbereiche sind teilweise entnommen dem Buch: "Bad Hofgastein und die Geschichte Gasteins" von Sebastian Hinterseer, 1977 - dem Buch: "Die Geschichte Gasteins und des Gasteiner Tales" von Heinrich von Zimburg, 1948 - dem Buch "Halt' aus Bauer" von Erika Scherer/Franz Steinkogler, 2012 - sowie den Büchern des 19. Jahrhunderts von Burkhard Eble, 1834 - Ritter J. E. von Koch-Sternfeld, 1820 - Dr. Albert von Muchar, 1834 - Joseph Mitterdorfer, 1820 - Benedikt Pillwein, 1839 - Emil, 1827 - u. a. entnommen.

Quellenangaben
1a - Das Thal und Warmbad Gastein von Dr. Albert von Muchar, 1834, S. 128
1b, 6 - GASTUNIA von Joseph Mitterdorfer, 1820, S. 45
1c - Bad Hofgastein und die Geschichte Gasteins von Sebastian Hinterseer, 1977, S. 359, 360
2a, 2b, 2c - Bad Hofgastein und die Geschichte Gasteins von Sebastian Hinterseer, 1977, S. 360, 361, 362
2d - Zeitschrift: Gasteiner Rundschau - September 2019
2d - Die Tauern, insbesondere das Gasteiner-Thal und seine Heilquellen von Ritter J. E. von Koch-Sternfeld, 1820, S. 22
2e - Die Bäder zu GASTEIN von Burkart Eble, 1834, S. 181

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